Eva Liebenberg-Leipold, 52 Jahre, Krankenschwester
Brustkrebs ist heilbar - das hört frau oft. Viele Ärzte oder betroffene Frauen
benutzen das Wort "Heilung". Das mag im streng medizinischen Sinn stimmen, doch
ich bekomme einen Schluckauf, wenn ich das höre. Ich bin beidseitig amputiert.
Meine Brüste wachsen nie mehr nach und die Folgeprobleme, über die niemand
spricht, bleiben: immer wieder Schmerzen im Operationsgebiet und drum herum,
entstanden durch die teilweise Muskelresektion in dem Gebiet. Nicht zu vergessen
die psychischen Schmerzen.
Ich habe anfangs oft gehört: "Na, Gott sei Dank sieht
man bei dir ja nichts!" Dieser Trost kam mir oft wie ein Maulkorb vor: ,Dann muss
auch nicht mehr drüber gesprochen werden'. Ich hatte mich nach der zweiten
Operation von den Ärzten zu Silikon-Prothesen überreden lassen, mit denen ich mich
jedoch nie anfreunden konnte. Ich sah jeden Tag im Spiegel, wenn ich mir einen
Blick gestattete, zwei unnatürliche, ungleiche Hügelchen; auf der linken Seite
eingeschnürt durch eine Narbe, die vom Brustbein bis unter die Achsel geht; auf der
rechten Seite liegt die Narbe unterhalb des marmorgleichen Hügelchens, durch die
fehlenden Brustwarzen einer Barbie-Puppen-Brust nicht unähnlich. Ich kam mir wie
ausgestopft vor, lächerlich.
Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass diese
Prothesen nicht mir, sondern den Menschen um mich herum dienten. Diese
Erkrankung und die Folgeschäden machen Angst, nicht nur mir, sondern auch den
Menschen um mich herum. Darum ist der Wunsch meiner Mitmenschen verständlich,
so schnell wie möglich Normalität einkehren zu lassen. Doch für mich ist in einigen
Bereichen nichts mehr so, wie es früher war. Wie viel Offenheit kann ich meiner
Familie zumuten? Wie kann ich mich zeigen? Darf ich mich überhaupt zeigen? Wenn
ich mich mit meinem Mann ehelichen Freuden widmen will, muss ich etwas
überziehen oder kann er oder ich mit der ganzen, sehr unvollständigen und
verletzten Wahrheit umgehen? Und wenn es Sommer ist, die Kleidung leicht und
luftig, taucht plötzlich die Frage auf: Kommt der Wind von der richtigen Seite oder
wird er das dünne T-Shirt an die malträtierte Brust wehen - kann ich mich so noch
sehen lassen? Kleinigkeiten angesichts der Tatsache, dass viele andere Frauen an
Brustkrebs sterben mussten und ich leben darf.
Doch ist Brustkrebs wirklich heilbar?
Immerhin habe ich mich nach einigen Jahren von den Silikon-Prothesen lösen
können, das heißt, ich habe sie mir entfernen lassen. Ich lebe nun mit diesem
Körper, ohne Brüste, mit den Narben. Diese Entscheidung hat dazu beigetragen,
mich dem zu stellen, was mir geschehen ist. Es war wichtig für mich, nicht mehr so
zu tun, als sei nichts geschehen.
Als meine Tochter ein halbes Jahr alt war, bekam ich eine Lungenentzündung, die
sich aus einer harmlosen Erkältung entwickelte. Ich lebte damals mit Kind und Mann
in einer Wohngemeinschaft, arbeitete als Krankenschwester im Nachtdienst, bekam
wenig Schlaf. Wegen der Lungenentzündung musste ich abrupt abstillen, was zu
einer Brustentzündung führte. Als ich einige Monate später den Knoten tastete und
zur Mammographie ging, hieß es, die Beschwerden und das veränderte
Brustdrüsengewebe seien auf die Brustentzündung zurückzuführen. Ich solle jedoch
in einem Jahr zur Kontrolluntersuchung kommen. Doch die Beschwerden vermehrten
sich, der von mir zu tastende Knoten war mittlerweile mandarinen-groß.
Ich ging
wieder zur Mammographie, und dann musste alles ganz schnell gehen. Heute denke
ich, dass ich schon während der Schwangerschaft krank war; möglicherweise schon
vorher, denn der Kinderwunsch kam ganz plötzlich, so als habe der Körper ein Signal
gegeben: Jetzt oder nie. Doch das sind Spekulationen.
Vor vier Jahren habe ich begonnen, Selbsthilfe-Gruppen für brustkrebserkrankte
Frauen ins Leben zu rufen. Ich selbst bin damals gar nicht auf die Idee gekommen,
eine solche aufzusuchen. Ich habe versucht, mit meinem Mann über meine Angst
und meinen Kummer zu sprechen, doch das war kaum möglich. Er hatte selbst zu
viel Angst. Jedoch habe ich ihn zu keinem Zeitpunkt als unsensibel empfunden. Es
war nie etwas Hässliches zwischen uns wegen meines Äußeren. Viel später erst hat
er mir sagen können, dass es ihm sehr wohl etwas ausgemacht hat; weniger meine
fehlenden Brüste als die Angst, mich zu verlieren. Ich habe offenbar oft Glück im
Unglück gehabt, denn ich habe auch Frauen kennen gelernt, deren Männer sich
schon im Krankenhaus von ihnen verabschiedet haben.
Ich habe mich während meiner beiden Krebserkrankungen überhaupt nicht
informiert. Offenbar habe ich die Strategie verfolgt: Was ich nicht weiß, macht mich
nicht heiß. Scheinbar eine absurde Vorgehensweise für eine Krankenschwester, aber
offenbar für mich die damals einzig mögliche. Meine Mutter starb an Krebs, als ich
zwölf Jahre alt war. Sie war zuvor etwa fünf Jahre krank. Das hatte ich im Gepäck.
Es gibt eine Schlüsselsituation aus der Zeit während meines ersten Krankenhaus-
Aufenthaltes: Mein Mann und meine damals eineinhalbjährige Tochter hatten mich
besucht. Ich sah ihnen nach, als sie sich verabschiedet hatten: Mein Mann ging
gebeugt, das kleine Mädchen an seiner Hand. In diesem Augenblick wusste ich: Ich
werde euch nicht verlassen. Ich werde dich (mein Kind) nicht so allein lassen, wie ich
es war. Wie ich das anstellen würde, wusste ich damals nicht. Aber es hat
funktioniert. Offenbar habe ich mich von der bedrohlichen Situation abgewandt und
bin in Richtung Leben gegangen.
Heute fühle ich mich meinem Körper näher als je zuvor. Oft habe ich mich gefragt,
ob meine Brüste (und mein Körper) eigentlich mir oder anderen gehören. In den
prüden 50er Jahren wurde noch von mir erwartet, meine Brüste keusch in Miedern
zu verbergen, die Frauenbewegung forderte: Verbrennt eure Büstenhalter! Als der
"Stein des Anstoßes" dann dem Krebs zum Opfer fiel, war es wieder nicht recht:
Silikon-Prothesen sollten her. Und was war mit mir? Ich wollte keine Mieder, ich
wollte meine BH's nicht verbrennen, ich wollte keine Silikon-Prothesen! Ich will,
verdammt noch mal, die sein, die ich bin.
Vor einiger Zeit sagte eine der Frauen aus der Selbsthilfe-Gruppe, die ebenfalls
beidseitig amputiert ist: "Ich habe Liebeskummer. Ich trauere meinen Brüsten nach."
Das hat mich sehr bewegt. Ich hätte bis zu diesem Zeitpunkt nicht gewagt, meinen
Kummer so auszudrücken. Aber es trifft die Sache im Kern. Ist Brustkrebs wirklich heilbar?
Rosemarie Triebe, 62 Jahre, Kaufmännische Angestellte
Nachdem ich den Knoten entdeckt hatte, vergingen vier Wochen, bis ich zum
Chirurgen kam. In dieser Zeit wuchs die Sache wahnsinnig schnell. Dann ging es
holterdipolter ins Krankenhaus zum Probeschnitt. Erst hieß es, er wäre gutartig, aber
erschreckend groß. Und einen Tag später kam die Diagnose: bösartig.
1978 ist noch
sehr radikal operiert worden: Großer und kleiner Brustmuskel wurden entfernt, ich
habe eine Wahnsinnsnarbe, die mich sehr beeinträchtigt. Aber für mich stand nie in
Zweifel, dass ich überleben werde. Ohne die rechtzeitige Diagnose wäre ich in zwei
Jahren tot gewesen, sagte man mir. Das hat mich erschüttert. Ich habe immer
gearbeitet, bin für alle da gewesen. Nur mich selbst habe ich dabei vergessen.
Mein
Sohn reagierte sehr süß, als ich nach meiner ersten Operation nach Hause kam. Er
setzte einen Wirtschaftsplan auf, wer wann einkaufen gehen, wer wann abwaschen
muss. Und ich hatte plötzlich Freizeit.
Das war ein total unbekanntes Gefühl. Und es war toll. Ich fing an, alles zu tun, was
ich bis dahin versäumt hatte. Ich konnte lesen, zum Sport gehen. Dann begann ich
wieder, ganztags zu arbeiten.
Neun Jahre später war die zweite Brust befallen. Auch
sie wurde amputiert. Ein halbes Jahr später fand man wieder Metastasen, ich musste
eine Chemo-Therapie machen. Danach wurde ich invalidisiert, also arbeitsunfähig.
Diese Krankheit schwebt wie ein Damoklesschwert über mir und kann jederzeit wieder zuschlagen.
1992 musste ich noch meinen Unterleib opfern. Mein Gedanke war: Ich bin ein weibliches Gerippe. Aber es kommt doch darauf an, was man daraus macht. Ich finde, dass ich noch ganz gut aussehe und eine tolle Frau bin. Ich arbeite sogar als
Brustprothesenmodel, zeige Frauen in Selbsthilfe-Gruppen die neuesten Prothesen,
Miederwaren und Bademoden und rede mit ihnen. Wenn eine von ihnen sehr traurig
ist, sage ich immer: "Überlegen Sie mal, ich habe zwei Brüste verloren, aber ich habe Leben gewonnen."
Ich wäre seit 23 Jahren tot. 23 Jahre für zwei Brüste! Mensch, was ich alles verpasst hätte. Ich habe in der Zeit Enkel bekommen, ich habe den Mauerfall erlebt, ich kann verreisen. Aber viele Frauen jammern, statt aus ihrem neu gewonnenen Leben etwas zu machen. Das tut mir leid.
Dennoch sage ich: Frauen, die ewig vor sich hin
trauern, brauchen sich nicht zu wundern, wenn sie Probleme in der Ehe kriegen. Ein Mann guckt sich das eine Weile an, aber er erwartet doch auch, dass die Frau irgendwann mal wieder die Alte wird, mal wieder lacht. Natürlich hatte auch ich eine Phase der Traurigkeit und der Komplexe. Mein Mann ist ein sensibler Mensch, er
konnte mich anfangs nicht anfassen. Ich ging dann zur Kur und traf dort Frauen, die dasselbe durchgemacht hatten: Vollwertige, selbstbewusste und schöne Frauen. Von der Kur kam ich gestärkt zurück und sagte zu meinem Mann: "Entweder bin ich jetzt deine Ehefrau oder ich suche mir einen Freund." Er hat noch eine Weile gebraucht. Ich dachte, er muss diesen Anblick einfach ertragen, bin also den Begegnungen nicht
mehr ausgewichen. Nach der zweiten Amputation war es ihm wurscht. Da war ihm nur wichtig, dass ich lebe. Heute sagt er: "So wie sie ist, liebe ich sie."
Ich trage Haftprothesen, das sind Silikonkissen, die auf der Haut haften. Nur zum Duschen nehme ich sie ab. Ja, ich kann sogar ohne BH gehen oder sie im Schwimmbad dranmachen. Das ist eine tolle Sache, das ist meine neue Brust. Ich war immer sehr flachbrüstig. Als beide Brüste amputiert waren, bin ich losgegangen und habe mir meinen Traumbusen im Sanitätshaus rausgesucht. Man muss ja im Negativen auch was Positives sehen. Die Haftbrüste bleiben in Form, ich kann sie tiefer oder höher setzen, und sie werden nie hängen. Für mich sind sie nichts
Fremdes. Sie sind warm, machen die Bewegungen mit, wackeln, wenn ich die Treppe runterhopse. Was will ich mehr? Mehr kann ein echter Busen auch nicht.
Nein, gesünder als früher lebe ich nicht. Zum Beispiel rauche ich immer noch. Aber ich habe nun mal dieses eine Laster, und es steht für mich auch als Sinnbild für Genuss. Trotzdem hat sich vieles verändert. Das Leben hat für mich und meinen Mann andere Prioritäten bekommen. Wir reisen viel, gehen groß essen. Solche Sachen haben wir uns früher verkniffen. Ich habe auch überhaupt kein Problem, älter
zu werden. Über jeden Geburtstag freue ich mich. Das sind nämlich gelebte Jahre. Nur die Angst vor dem Krebs bleibt immer da. Irgendwann wird er mir das Genick brechen, da bin ich ziemlich sicher.
Cordula Slater, 55 Jahre, Sozialpädagogin
Jahrestag ist immer der 5. Januar. An diesem Tag bin ich 1995 operiert worden. Im Dezember 1994 entdeckte ich einen Knoten. Ich hatte immer schon kurz vor der Regel Knoten in den Brüsten, die aber wieder verschwanden. Jetzt blieb plötzlich ein hartnäckiger Knoten zurück. Meine Gynäkologin schickte mich sofort zum Spezialisten, und das hörte sich alles schon nach "Achtung, Achtung!" an. Kurz vor
Weihnachten war die Diagnose Krebs klar.
Schrecklich war für mich diese Hauruck-Methode nach dem Motto: "Wenn jetzt nicht sofort geschnitten wird, dann sind Sie morgen tot." Die Entscheidung, die im Januar von mir in einer knappen Stunde gefällt werden musste, war: Brust ab oder dranlassen. Ich war gar nicht fähig zu entscheiden. Gleich zwischen Weihnachten und Neujahr sollte ich ins Krankenhaus.
Ich lehnte ab und fuhr erst mal weg, weil ich dringend Zeit brauchte. In diesen Tagen rund um den Jahreswechsel entschied ich mich gegen den Brusterhalt, weil ich sicher gehen wollte, dass alles kranke Gewebe weggeschnitten wird.
Dann stand aber schon die nächste Frage an: Silikonkissen mit Kochsalzlösung oder ersatzlose Amputation? Man riet mir zu den Kissen. Es war Horror. Die Prozedur des langsamen
Auffüllens des Kissens, um die Haut zu dehnen, tut sehr weh. Je länger es dauerte, umso schlimmer war es. Da hing dieser Schlauch an der Seite, durch den die Kochsalzlösung regelmäßig eingespritzt wurde. Ich fragte mich: Für wen mache ich das eigentlich? Nach einem Jahr habe ich mich dann von diesem Pudding befreit.
Nach der Diagnose wollte ich alles über meine Vorgeschichte und über
Behandlungsmethoden wissen. Das war mein Einstieg in die Auseinandersetzung mit
meiner Kindheit, Jugend, dem Frau sein, meinem Beruf und Privatleben. Viele Tränen sind geflossen. Geweint hatte ich vorher bestimmt fünf, sechs Jahre nicht mehr. Immer galt ich als starke, witzige, unbekümmerte Frau. Und natürlich war ich nie krank. Nie! Ich hatte nicht auf meinen Körper geachtet oder auf Signale gehört. So was passiert mir heute nicht mehr. Ich weiß, dass ich Glück im Unglück hatte: Bestrahlung und Chemo-Therapie blieben mir erspart. Neben der Schulmedizin habe
ich mich für die biologische Krebsabwehr entschieden. Fünf Jahre lang Mistel gespritzt und natürliche Präparate genommen, Zink, Vitamine und Spurenelemente. Alles zusammen hat mir sehr gut getan.
Ganz wichtig waren auch meine Freundinnen und Kolleginnen. Sie halfen mir durch ihre Anwesenheit, durch Gespräche, brachten mir Artikel oder Bücher zum Thema. Es gab aber auch schmerzhafte Erfahrungen. Eine gute Freundin hat mich nicht einmal im Krankenhaus besucht. Sie konnte mich nicht sehen, war wie gelähmt. Ich habe solche Reaktionen oft erlebt. Vor allem bei Männern. Im Krankenhaus lagen Frauen, die mit einem Bein im Grab standen und dann noch ihre Männer trösten mussten.
Die saßen am Bett und jammerten. Das habe ich mir erspart.
Meine Beziehung war zu Ende, was sich aber bereits vor der Diagnose angekündigt hatte. Meine verbliebene Brust salbe ich immer ganz liebevoll mit Freiöl ein. Und ich stelle regelmäßig fest, dass es eine schöne Brust ist. Die andere Seite massiere ich regelmäßig, denn die Narbe tut oft sehr weh. Wie ein Gummiband, das überspannt
ist. Brust heißt ja im Lateinischen "Mamma" und steht für Nahrung, Fürsorge, Wohlbefinden, Geborgenheit. Also: Für andere sorgen statt für mich.
Meine eigenen Wünsche habe ich lange zurückgestellt - nicht zugelassen. Inzwischen konnte ich viele Parallelen zu meiner Mutter entdecken. Auch sie war immer auf Harmonie aus, war ehrgeizig und voller hoher Ansprüche mir und sich selbst gegenüber.
Bewusst wurde mir das aber erst, nachdem ich schon eine ganze Zeit zur Therapie ging: Dass ich den Krebs offensichtlich gebraucht habe, um mich mit bestimmten Dingen zu beschäftigen, mich ihnen zu stellen. Endlich Entscheidungen zu treffen. Es war aber immer so in meinem Leben, dass aus der tiefsten Krise etwas Gutes und Neues entstanden ist.
Die Beschäftigung mit meiner Mutter beispielsweise, die zu einer Annäherung geführt hat. Manchmal rede ich mit dem Krebs, so wie mit meinen
Pflanzen. Denn er lebt irgendwie in mir und ich mit ihm. Wir haben Frieden geschlossen. Wir müssen uns arrangieren. Das scheint bisher zu funktionieren - und hoffentlich noch lange.
Barbara Kettnaker, 38 Jahre, Historikerin
Ich habe große Probleme mit diesem "Krebs als Chance"-Begriff. Klar sind daraus
auch positive Veränderungen entstanden, aber der Preis ist mir zu hoch. Im Grunde
ist Krebs nur Scheiße. Auch die Theorien über Selbstheilung ärgern mich maßlos.
Wenn es heißt, Selbstheilung sei möglich, steht doch auf der anderen Seite der
Medaille die Schuld. Das hieße: Ich habe die Krankheit selbst verschuldet, falsch
gelebt, schlecht gegessen, zu viel Stress gehabt. Krebs ist für solche Thesen sehr
empfänglich, weil er multikausal und schlecht erforscht ist. Und tatsächlich haben alle
Krebskranken, die ich kenne, diese Schuldgefühle. Es ist doch aber total zynisch.
Schließlich gibt es so viele Ursachen für Krebs. Und ich weiß nicht, wo ich ihn her
habe. Es gab in meiner Familie keinen Fall von Krebs. Eine Zeit lang dachte ich, es
würde mir helfen zu wissen, wo ich meinen Krebs her habe. Aber jetzt ist er da. Es
kann nur einer von uns leben, und das will ich sein.
Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, ob ich meine Brüste liebe - bis ich
mich von einer trennen musste. Mit 35 erhielt ich die Diagnose. Bei mir war es eine
längere Vorgeschichte. 1994 bekam ich eine blutige Sekretion aus der rechten
Brustwarze, die regelmäßig untersucht wurde. Mein Arzt hatte nicht erwartet, dass es
Krebs würde. Zusätzlich entdeckte ich dann aber einen Knoten. Eine Woche später
gab es den Probeschnitt, bei dem der ganze Milchgang entfernt wurde. Der ganze
Kanal war befallen, und so war klar, dass die Brust weg muss.
Ich bin zur Operation
in ein anthroposophisches Krankenhaus in der Nähe von Stuttgart gegangen. Von der
Diagnose bis zur Operation hat man mir dort Zeit gegeben und war immer sehr
mitfühlend. Niemand verbreitete Panik. Keiner vermittelte mir das Gefühl, jetzt sei
das Ende gekommen. Die Schwestern und Ärzte waren immer für Fragen da. In dem
ganzen Schlamassel, meiner Angst vor dem Sterben und vor Siechtum fand ich diese
Atmosphäre äußerst angenehm.
Nachdem klar war, dass mein Körper nicht weiter
von Metastasen befallen war, konnte ich mir die Zeit nehmen, mich gemeinsam mit
meinem Freund von meiner Brust zu verabschieden. Wir haben sie gestreichelt, Fotos
und sogar einen Gipsabdruck gemacht. Zur Erinnerung.
An einem Wiederaufbau der Brust hatte ich erst mal gar kein Interesse. Außerdem
hätte es noch eine weitere Operation bedeutet. Für diese Entscheidung wollte ich mir
mindestens ein Jahr Zeit nehmen. Das Jahr ist längst rum. Ich habe immer noch kein
Interesse an einem Surrogat. Aber ich kenne Frauen, die damit sehr glücklich sind.
Die einen richtigen Aufbau gemacht haben, samt Muskelverpflanzung und
Brustwarzennachbildung. Klingt aber alles nicht so, als müsste ich das haben.
Allerdings möchte ich selbst entscheiden, mit wem ich über meinen Brustkrebs
spreche. Daher mag ich mich in vielen Situationen nicht ohne Prothese bewegen und
trage dann ein Kissen, das sich in den BH einlegen lässt.
Mein Leben hat sich durch den Krebs auf den Kopf gestellt. Alles, was vorher eine
Rolle spielte, ist plötzlich in Frage gestellt. Diese Krankheit zu haben bringt einen
absoluten Verlust von Naivität mit sich, von dem Glauben, man sei unverletzlich und
würde ewig leben. Das ist einschneidend und macht auch die Naivität anderer
unerträglicher. Wenn ich beispielsweise Freunde höre, die über Beziehungsprobleme
sprechen. Da bin ich bis heute manchmal fassungslos. Ich verstehe solche Probleme
nicht mehr. Es macht mich wütend, wenn Menschen ihre Gesundheit nicht würdigen.
Aber dieser Wert des Lebens ist ja auch für mich erst nach der Diagnose viel
wichtiger geworden. Ich verspüre auch einen Neid auf das Privileg, gesund zu sein.
Von Beginn an fühlte ich mich in einem Netzwerk aus Familie und Freunden
aufgefangen. Heute bedeuten mir diese Beziehungen noch viel mehr als früher. In
meiner Partnerschaft ist eine neue, eine tiefere Nähe entstanden. Wir haben es
gemeinsam durchlebt und durchlitten. Aber es gab auch Risse in Freundschaften.
Manche erwarteten, dass ich schnell wieder die Alte würde, egal ob beruflich oder
privat. Dieser Wunsch ist verständlich, den habe ich auch an mich selbst. Aber es
geht nicht.
Für mich sind der Krebs und die Angst immer präsent. Das macht einen
Übergang zur Tagesordnung schwierig. Die Alte bin ich nicht mehr - und werde ich
nie wieder sein.
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